Veröffentlicht am 1. März 202814 Minuten LesezeitLCI GenfSIA 390/1 · 2032 · KBOBAktualisiert im Juni 2026
Graue Energie im Bauwesen
Jahrzehntelang wurde die Energieeffizienz eines Gebäudes ausschliesslich anhand seines Betriebsverbrauchs gemessen. Heute macht die in den Materialien enthaltene Energie — die graue Energie — oft 40 bis 60 % der gesamten Umweltbelastung über den Lebenszyklus aus. Dies ist zu einem zentralen Thema geworden, und der Genfer Rechtsrahmen spiegelt dies nun direkt wider.
Die graue Energie (oder inkorporierte Energie) bezeichnet die gesamte Energie, die für die Herstellung eines Gebäudes erforderlich ist: Rohstoffgewinnung, industrielle Verarbeitung, Transport, Einbau auf der Baustelle, Instandhaltung, Ersatz während der Nutzungsdauer sowie Rückbau und Entsorgung am Lebensende.
Sie wird ausgedrückt in nicht erneuerbarer Primärenergie — historisch in MJ/m² Energiebezugsfläche (SRE), oder annualisiert in kWh/m²·an über die Standardnutzungsdauer des Gebäudes (60 Jahre gemäss dem technischen Merkblatt SIA 2032). Der Indikator, den der Genfer Rechtsrahmen inzwischen heranzieht, ist jedoch nicht die Energie: Es ist die CO₂-Bilanz, also die Treibhausgasbilanz, ausgedrückt in kg CO₂-eq/m²·an.
Ein sehr gut gedämmtes Gebäude verbraucht wenig Betriebsenergie — doch wenn seine Wände aus stark bewehrtem Beton mit einer Dämmung aus Kunststoffschaum bestehen, kann seine graue Energie mehrere Jahre an betrieblichen Einsparungen zunichtemachen.
40–60 %
der gesamten Umweltbelastung über den Lebenszyklus (energieeffizienter Neubau)
60 Jahre
Referenznutzungsdauer gemäss SIA 2032 für die annualisierte Berechnung
~6–12
kg CO₂-eq/m²·an: Bandbreite der Bau-CO₂-Bilanz (Neubau) — regulatorischer Indikator des Kantons Genf
~500–900
MJ/m²·an: Bandbreite der grauen Energie (Primärenergie) eines neuen Standardgebäudes
Zwei Indikatoren, die nicht verwechselt werden dürfen
Die graue Energie misst eine Menge an nicht erneuerbarer Primärenergie (kWh oder MJ/m²·an). Die CO₂-Bilanz misst Treibhausgasemissionen (kg CO₂-eq/m²·an). Beide hängen zusammen, sind aber unterschiedlich: Ein Material kann energieintensiv sein, ohne stark CO₂-belastet zu sein, und umgekehrt. Entscheidend in Genf: Der Rechtsrahmen (LCI art. 117-118) reguliert den Kohlenstoff — die Konformität wird also in kg CO₂-eq/m²·an gemessen, nicht in MJ.
Graue Energie vs. Betriebsenergie
Die Betriebsenergie (Heizung, Warmwasser, Lüftung, Beleuchtung) ist die Energie, die während der Nutzungsdauer des Gebäudes verbraucht wird — das messen die Labels HPE, Minergie® oder Passivhaus. Die graue Energie hingegen ist bereits «verbraucht», bevor das Gebäude überhaupt bewohnt wird. Je leistungsfähiger ein Gebäude im Betrieb ist, desto grösser wird der relative Anteil der grauen Energie an seiner Gesamtbilanz — beide gehen künftig also Hand in Hand.
02 — Ökobilanz
Der Lebenszyklus des Gebäudes
Die Ökobilanz (ACV) — oder Life Cycle Assessment (LCA) — ist die standardisierte Methode zur Quantifizierung der Umweltbelastung eines Gebäudes «von der Wiege bis zur Bahre». In der Schweiz strukturieren das technische Merkblatt SIA 2032 (Ökobilanzmethode) und die europäische Norm EN 15978 die Ökobilanz in vier Hauptmodule.
A
Herstellung & Baustelle
A1–A3: Rohstoffgewinnung, Materialherstellung A4: Transport zur Baustelle A5: Einbau und Baustellenabfälle
B
Nutzung
B1: Auswirkungen während der Nutzung B2–B5: Instandhaltung, Reparatur, Ersatz B6–B7: Betriebsenergie und -wasser
In der Praxis stützt sich die Genfer Berechnungsvorschrift hauptsächlich auf die Module A1–A3 (Materialherstellung) und B4 (Ersatz während der Nutzungsdauer), die den Grossteil der grauen Energie eines gut konzipierten Neubaus ausmachen. Die Module C und D sind in umfassenden Ansätzen (SNBS, DGNB) enthalten.
Lebensdauer der Bauteile: ein Schlüsselfaktor
Die graue Energie umfasst den Ersatz während der Nutzungsdauer (Modul B4). Die Tragstruktur (Beton, Massivholz) hält 80–100 Jahre. Die Gebäudehülle (Fassaden, Dach) 30–50 Jahre. Die Gebäudetechnik (Lüftung, Wärmepumpe) 15–25 Jahre. Eine Dämmung oder ein Belag, der über 60 Jahre zweimal ersetzt wird, verdoppelt seinen Einfluss auf die graue Energie — daher die Bedeutung der intrinsischen Haltbarkeit der gewählten Materialien.
03 — Die Materialbilanz
Nicht alle Materialien sind gleich
Die graue Energie schwankt je nach Material erheblich. Die Schweizer Datenbank KBOB (Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane) veröffentlicht die Referenzwerte, die in sämtlichen behördlichen Berechnungen in der Schweiz verwendet werden. Die nachstehende Grafik vergleicht die graue Energie typischer Bauweisen pro m² Bruttogeschossfläche.
Bau-CO₂-Bilanz (kg CO₂-eq/m²·an) als Hauptwert, graue Energie (MJ/m²·an) daneben. Richtwerte, annualisiert über 60 Jahre, Module A1–A5 + B4, pro m² SRE. Grössenordnungen gemäss KBOB und Zielwerten SIA 2040 / 390-1.
Drei materialbezogene Hebel treten systematisch hervor: das Tragwerk (Beton vs. Holz), die Dämmung (synthetisch vs. mineralisch vs. biobasiert) und die Fassadenverkleidungen (Aluminium oder Zink vs. Verputz oder Holz). Diese drei Bereiche machen allein 60 bis 70 % der grauen Energie eines Neubaus aus.
Holz: ein CO₂-Vorteil
1 m³ Massivholz speichert etwa 900 kg CO₂ und benötigt 5- bis 10-mal weniger graue Energie als ein gleich grosses Volumen Stahlbeton. Im Modul D kann Holz am Lebensende energetisch verwertet werden, wodurch ein Teil der Primärenergie zurückgewonnen wird.
Stahl: hohe Leistung, hoher Energieaufwand
Stahl ist bezogen auf seine Masse sehr widerstandsfähig — doch seine Herstellungsenergie ist hoch (~20 GJ/t). In einer Verbundkonstruktion aus Stahl und Beton eingesetzt, kann er die strukturelle graue Energie verdoppeln. Recycelter Stahl (Elektrolichtbogenofen) reduziert diese Auswirkung um 60–75 %.
04 — Genfer Rechtsrahmen
LCI art. 117 & 118: Was das Gesetz verlangt
Der Kanton Genf hat in seinem Baugesetz (Loi sur les Constructions et les Installations, LCI, RSG L 5 05) Anforderungen verankert, die über die reine Betriebsenergieeffizienz hinausgehen. Die Artikel 117 und 118 bilden ein sich ergänzendes Paar: Der eine legt die Regel zur Materialwahl fest, der andere die Methode zur Messung der CO₂-Auswirkung.
LCI · Art. 117CO₂-Bilanz der Materialien — Priorität für Wiederverwendung
Artikel 117 schreibt vor, die CO₂-Bilanz der Baumaterialien zu begrenzen, indem er eine klare Hierarchie festlegt:
Priorität für Wiederverwendungsmaterialien — geborgene und wiederverwendete Bauteile
Andernfalls Rückgriff auf rezyklierte Materialien
Förderung von Materialien mit niedriger grauer Energie (Holz, biobasiert, geobasiert, lokale Materialien)
Dies ist der gesetzliche Rahmen für den Ansatz «Null Abfall» und die Wiederverwendung auf Genfer Baustellen — angewendet seit 2021 bei der Sanierung Carouge 87, der ersten Null-Abfall-Baustelle des Kantons.
LCI · Art. 118Berechnung der CO₂-Bilanz — vollständiger Lebenszyklus
Artikel 118 legt fest, wie diese Bilanz gemessen wird: eine Treibhausgasbilanz über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes, ausgedrückt in kg CO₂-eq/m²·an — Materialherstellung, Einbau, Betrieb, Rückbau. In der Praxis:
Die massgebende Norm ist die SIA 390/1 «Der Klimapfad» (welche das technische Merkblatt SIA 2040 ersetzt hat); sie legt die Grenz- und Zielwerte der Emissionen fest
Die Ökobilanzberechnung folgt der Methode des technischen Merkblatts SIA 2032, auf Basis der KBOB
Die kantonalen Schwellenwerte sind noch nicht alle festgelegt — die genannte Grössenordnung liegt bei ~5 kg CO₂-eq/m²·an für Sanierungen (Ref. SIA 2040 / 390-1)
Hinweis: Für die anwendbaren Berechnungswerte sind die aktuellen OCEN-Vorschriften und die Norm SIA 390/1 massgebend.
Die Berechnungsmethode nach Baulosen — der Schlüssel der LCI
Die CO₂-Bilanz wird nicht unsystematisch Material für Material berechnet, sondern indem das Gebäude in grosse Baulose zerlegt wird, die jeweils anhand der KBOB-Werte bewertet und anschliessend addiert werden. Diese Aufteilung nach Losen macht das Vorgehen praktikabel und von Projekt zu Projekt vergleichbar:
In Genf haben der Staat, die SIG und die SSE ein eigenes Tool für diese Berechnung entwickelt, das lange unter dem Namen B2CB bekannt war und 2025 durch die Plattform «Bilan carbone chantier» (BCC) ersetzt wurde, die Fachleuten kostenlos zur Verfügung steht.
Und die Stufen HPE / THPE?
Entgegen einer häufigen Verwechslung werden die Stufen HPE und THPE nicht durch diese LCI-Artikel definiert: Sie fallen unter die Ausführungsverordnung zum Genfer Energiegesetz (REn, art. 12B / 12C — LEn L 2 30) und betreffen die energetische Leistung im Betrieb. Siehe das Vergleichsdossier der Labels.
Interessenabwägung: LEn (L 2 30) ↔ LCI — hin zum Vorrang des CO₂?
Die beiden Rahmenwerke können in Spannung zueinander geraten. Ein THPE-Niveau im Sinne des LEn anzustreben, drängt dazu, die Energie im Betrieb zu senken — mehr Dämmung, leistungsfähigere Verglasungen, mehr Gebäudetechnik. Doch jede dieser Massnahmen hat ihren Preis in grauer Energie und inkorporiertem Kohlenstoff, den die LCI gerade zu begrenzen versucht. Bei energetischer Überperformance kann der betriebliche Gewinn teilweise durch den zusätzlichen konstruktiven CO₂-Ausstoss zunichtegemacht werden. Die Fachpraxis tendiert dazu, davon auszugehen, dass im Abwägungsfall die CO₂-Logik (LCI) gegenüber der rein energetischen Logik (LEn) Vorrang haben sollte — eine Ausrichtung, die jedoch noch nicht offiziell entschieden ist. Bis zu einer formellen Klärung besteht die gute Praxis darin, beide Bilanzen bereits ab der Konzeption gemeinsam zu optimieren, statt die eine auf Kosten der anderen zu maximieren.
Verbindung mit dem MuKEn
Der Kanton Genf ist in den interkantonalen Rahmen der Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MoPEC, deutsch MuKEn) eingebettet, dessen Revision 2025 die Anforderungen schrittweise verschärft. Die kantonale Umsetzung über die LCI erlaubt es Genf, über den Mindeststandard hinauszugehen, insbesondere indem für Projekte einer bestimmten Grössenordnung bereits ab der Konzeptionsphase eine Ökobilanz-Betrachtung vorgeschrieben wird (massgebend sind die geltenden OCEN-Vorschriften für die anwendbaren Schwellenwerte).
05 — Berechnungsinstrumente
SIA 2032, KBOB und Software
Die Berechnung der grauen Energie stützt sich auf drei sich ergänzende Säulen: eine Methodennorm (SIA 2032), eine Datenbank mit Materialwerten (KBOB) und Softwaretools, die beide kombinieren.
Schweizer Norm
SIA 390/1 — Der Klimapfad
Norm «Treibhausgas- und Energiebilanz von Gebäuden» (Ausgabe 2025, ersetzt das technische Merkblatt SIA 2040). Legt die Grenz- und Zielwerte in kg CO₂-eq/m²·an fest. Dies ist die Norm, auf die sich die Genfer LCI (art. 118) bezieht.
Schweizer technisches Merkblatt
SIA 2032 — Graue Energie von Gebäuden
Technisches Merkblatt, das die Ökobilanzmethode beschreibt: einzubeziehende Ökobilanzmodule, Standardnutzungsdauern der Bauteile, Darstellungsregeln. Dies ist die «Berechnungsspezifikation», die zur Erstellung der von der Norm SIA 390/1 geforderten Bilanz angewendet wird.
Genfer kantonales Instrument
Bilan carbone chantier (BCC)
Plattform, entwickelt vom Staat Genf, den SIG und der SSE (ehemals B2CB, 2025 erneuert). Berechnet die THG-Emissionen eines Gebäudes nach Baulosen über den gesamten Lebenszyklus. Kostenlos und für Fachleute zugänglich — das Referenzinstrument für die LCI-Konformität in Genf.
Schweizer Datenbank
KBOB — Ökobilanzdaten
Datenbank, geführt von den öffentlichen Bauherren der Schweiz. Liefert die Werte für nicht erneuerbare Primärenergie (PENR), gesamte graue Energie und Treibhausgaspotenzial (kgCO₂eq) für sämtliche gängigen Baumaterialien.
Online-Software (Österreich)
eco2soft
In Österreich entwickeltes Tool zur Ökobilanzberechnung von Gebäuden (baubook, mit dem Energieinstitut Vorarlberg und dem IBO). Relativ einfache Benutzeroberfläche, geeignet für Wohn- und Gewerbeprojekte üblicher Grösse; für den Einsatz in der Schweiz mit den KBOB-Werten zu kombinieren.
Europäische Software
One Click LCA
Cloud-Plattform für mehrere Normen (EN 15978, SIA 2032, DGNB …). Unterstützt internationale Datenbanken (ecoinvent, KBOB, ICE). Geeignet für komplexe Projekte, DGNB-Zertifizierungen und RE2020-Konformitätsnachweise.
Vordimensionierungs-Tool
Lesosai / PHPP
Lesosai integriert ein Modul für graue Energie (Module A–C) ergänzend zur behördlichen Wärmebedarfsberechnung. PHPP (Passivhaus) konzentriert sich auf den Betrieb — für die graue Energie mit eco2soft oder One Click LCA zu kombinieren.
Europäische Datenbank
ecoinvent
Weltweit massgebende Ökobilanz-Datenbank, verwaltet von einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Zürich. Sehr detailliert, wird im Hintergrund der meisten professionellen Softwarelösungen verwendet. Zugang über Abonnement oder integriert in Partnertools.
Wann berechnen?
Die graue Energie wird idealerweise in zwei Schritten berechnet: eine vorläufige Schätzung in der Vorprojektphase (APD), um die Wahl von Tragwerk und Gebäudehülle zu steuern — dort, wo noch 80 % der Entscheidungen offen sind —, gefolgt von einer detaillierten Berechnung in der Ausführungsphase für das Zertifizierungsdossier oder die LCI-Konformität. Eine späte Berechnung (nach der Bauausführung) erlaubt eine Überprüfung, aber keine Optimierung mehr.
06 — Reduktionsstrategien
Wie man graue Energie reduziert
Im Gegensatz zur Betriebsenergie lässt sich graue Energie nachträglich nicht kompensieren: Sie wird im Moment der Bauausführung festgelegt. Die strukturierenden Entscheidungen müssen daher im Vorfeld getroffen werden, bereits bei den ersten Entwürfen.
Biobasierte und geobasierte Materialien
Massivholz (Brettsperrholz, Brettschichtholz), Zellulosedämmung, Hanf, Stroh, Stampflehm, Lehmziegel: Diese Materialien weisen eine 3- bis 10-mal geringere graue Energie auf als ihre konventionellen Pendants. Holz speichert zudem atmosphärischen Kohlenstoff (Senkeneffekt). Lokale geobasierte Materialien (Stein, Lehm) eliminieren den Transportenergieaufwand.
Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft
Die Wiederverwendung eines bestehenden Balkens oder einer Betondecke eliminiert nahezu vollständig die graue Herstellungsenergie — nur Transport und Instandsetzung werden angerechnet. Die strukturelle Wiederverwendung (Böden, Dachstühle, Fassaden) ist einer der wirksamsten Hebel, in der Suisse romande noch wenig genutzt, aber stark wachsend.
Kompaktheit und strukturelle Optimierung
Weniger Material = weniger graue Energie. Eine kompakte Form reduziert die Hüllflächen. Eine passgenau dimensionierte Struktur (präzise statische Berechnung, optimierte Querschnitte) vermeidet einen übermässigen Verbrauch an Beton oder Stahl. Der Grundsatz «gerade richtig bauen» ist die erste Massnahme für graue Energie, noch vor der Materialwahl.
Haltbarkeit und Rückbaufreundlichkeit
Ein langlebiges Material wird nur einmal statt zwei- oder dreimal in 60 Jahren ersetzt — was seine B4-Auswirkung proportional reduziert. Zudem ermöglicht eine «rückbaubare» Konzeption (mechanische Befestigungen statt Kleber, reversible Verbindungen) die künftige Wiederverwendung der Bauteile: gelebte zirkuläre Architektur.
Lokale Beschaffung und kurze Verwertungsketten
Der Transport macht in der Regel 5 bis 15 % der grauen Energie aus (Modul A4). Regionales zertifiziertes Holz (FSC/PEFC), in der Schweiz oder im nahen Frankreich hergestellte Dämmstoffe und lokale Zuschlagstoffe zu bevorzugen, reduziert diese Auswirkung und unterstützt gleichzeitig lokale Verwertungsketten — ein Argument, das in Genfer öffentlichen Ausschreibungen zunehmend geschätzt wird.
07 — Labels und graue Energie
Welche Labels berücksichtigen graue Energie?
Nur bestimmte Labels gehen über die Betriebsenergieeffizienz hinaus und beziehen die graue Energie sowie die CO₂-Bilanz der Materialien mit ein. Die nachstehende Tabelle fasst die wichtigsten in der Suisse romande und im nahen Frankreich verfügbaren Zertifizierungen zusammen.
Label
Graue Energie erforderlich
Norm / Methode
Bemerkung
Minergie®-ECO
✓ Ja
SIA 2032 + KBOB
Das ergänzende Modul ECO verlangt eine Berechnung der grauen Energie sowie Gesundheits-/Materialkriterien
Passivhaus Classic/Plus/Premium
— Nein (Classic) ◐ Teilweise (Plus/Premium)
PHPP (erneuerbare Energie)
Passivhaus Plus/Premium bezieht die Erzeugung erneuerbarer Energie mit ein, jedoch standardmässig nicht die Materialökobilanz
SNBS
✓ Ja — verlangt
SIA 2032 + ecoinvent
Kriterium «Baumaterialien» mit Höchstwert für Treibhausgaspotenzial und graue Energie; obligatorisch für Genfer öffentliche Referenzgebäude
DGNB
✓ Ja — zentral
EN 15978 + ÖKOBAUDAT / KBOB
Vollständige Ökobilanz (A–D), gewichtet in der Gesamtbewertung. Eines der anspruchsvollsten Systeme in diesem Kriterium.
Minergie® Standard
— Nein
—
Nur Betriebsenergie. Kombination Minergie + ECO erforderlich, um graue Energie zu berücksichtigen.
HPE / THPE (Genf)
◐ über LCI art. 117–118
SIA 390/1 / KBOB
HPE/THPE (REn art. 12B/12C — LEn L 2 30) decken nur die Betriebsenergie ab. Die CO₂-Bilanz der Materialien fällt unter die art. 117–118 LCI, die unabhängig vom angestrebten Niveau gelten.
RE2020 (Frankreich)
✓ Ja — Ic construction
E+C– / gesetzliche Ökobilanz
Indikator Ic construction (kgCO₂eq/m²·an) mit sinkendem Schwellenwert gemäss den regulatorischen Etappen 2022–2031
◐ = teilweise oder anreizbasierte Berücksichtigung. — = vom Basisstandard nicht verlangt.
RE2020: Vorreiterin bei der Material-CO₂-Bilanz
Die französische Vorschrift RE2020, in Kraft seit Januar 2022, ist eine der ersten nationalen Regelungen, die eine gesetzliche Ökobilanz für alle Neubauten verbindlich vorschreibt. Ihr Indikator Ic construction begrenzt die CO₂-Emissionen der Materialien mit Schwellenwerten, die sich 2025, 2028 und dann 2031 verschärfen, was stark zu Holzbauten und biobasierten Materialien anregt.
08 — Wichtige Fragen
Was Bauherrschaften wissen wollen
Ist graue Energie in Genf obligatorisch?
Ja, schrittweise. Art. 117 LCI schreibt vor, die CO₂-Bilanz der Materialien zu begrenzen — mit Priorität für Wiederverwendung, dann für rezyklierte Materialien — und Art. 118 legt die Methode fest: eine Treibhausgasbilanz über den gesamten Lebenszyklus. Die quantitativen Schwellenwerte sind auf Verordnungsebene noch nicht festgelegt, doch die Stossrichtung ist klar. Für öffentliche Gebäude und Projekte einer bestimmten Grössenordnung wird eine formelle Ökobilanz-Analyse erwartet. Dieses Kriterium bereits in der Konzeption zu berücksichtigen, ist sowohl eine schrittweise gesetzliche Anforderung als auch professionelle gute Praxis.
Kostet der Holzbau mehr?
Der Holzbau weist im Rohbau gegenüber konventionellem Beton häufig einen Mehrkostenanteil von 3 bis 8 % auf — dieser Wert nimmt jedoch mit der Industrialisierung der Branche und den Baustellenvorteilen (Schnelligkeit, trockener Einbau) ab. Über die gesamten Lebenszykluskosten (LCC) betrachtet, erweist sich Holz oft als konkurrenzfähig, insbesondere durch reduzierten Bauabfall und den Werterhalt der Bauteile am Lebensende.
Kann man Beton behalten und trotzdem graue Energie reduzieren?
Ja, es gibt mehrere Hebel: klinkerarmer Beton (Zementsubstitution durch Flugasche oder Hochofenschlacke, bis zu –40 % CO₂), Recyclingbeton für bestimmte Anwendungen, Optimierung der Tragquerschnitte und Ausgleich durch die Wahl einer biobasierten Dämmung und von Belägen mit niedriger grauer Energie. Eine optimierte Betonstruktur kann auf ~400 MJ/m²·an sinken, nahe an einem Standard-Holzbau.
In welcher Projektphase muss man sich darum kümmern?
Graue Energie wird im Wesentlichen in der Vorstudien- (EP) und Vorprojektphase (APD) «gewonnen» oder «verloren». Eine schnelle Schätzung anhand von Volumetrie und Konstruktionssystem genügt, um die wichtigsten Entscheidungen zu steuern. Wer damit erst beim Ausführungsdossier beginnt, kann die wirklich entscheidenden Weichen nicht mehr stellen.
Wie integriert man graue Energie in einen Architekturwettbewerb?
Immer mehr Genfer und Waadtländer Wettbewerbe integrieren ein Kriterium graue Energie / CO₂-Bilanz in ihr Programm. Eine schematische Schätzung pro m² (Volumenverhältnis je nach vorgesehenem Konstruktionssystem) genügt im Wettbewerbsstadium, um das Projekt zu positionieren. Die KBOB-Werte nach Konstruktionssystem ermöglichen einen raschen Variantenvergleich ohne detaillierte Modellierung.
Die graue Energie Ihres Projekts, konkret?
Vorläufige Ökobilanz-Schätzung, Materialwahl, Wiederverwendung, Konformität mit LCI art. 117–118 — sprechen wir bereits ab der Entwurfsphase darüber.