Veröffentlicht am 1. August 2026 5 Minuten Lesezeit Niveau: allgemeinverständlich Architektur & Gebäudehülle

Was ist Passivhausbauweise?

Ein Gebäude, das mit fast nichts heizt. Ein bemerkenswerter Komfort zu jeder Jahreszeit. Und eine Baulogik, die sich in fünf Regeln zusammenfassen lässt.

In diesem Dossier

Ein Passivhaus heizt nicht. Es hält die Wärme.

Die Idee ist radikal in ihrer Einfachheit: Statt Wärmeverluste mit einer grossen Heizanlage auszugleichen, werden sie von vornherein vermieden. Eine sehr gut gedämmte, lückenlose Gebäudehülle nimmt die Sonnenwärme und die Wärme der Bewohnerinnen und Bewohner auf — und hält sie zurück.

«Heizen ist der Ausgleich für Fehler am Bau.»

Das Ergebnis: ein Gebäude, das praktisch ohne konventionelle Heizung auskommt. Die Wärme, die von Personen, Elektrogeräten und der Sonne abgegeben wird, genügt, um eine angenehme Temperatur zu halten.

Erstes Passivhaus in Frankreich, Haute-Savoie 2006 — Terrasse und grosse Fensterflächen in Holzrahmenbauweise

Erstes Passivhaus in Frankreich, 2006. Grosse, nach Süden ausgerichtete Fensterflächen, Holzrahmenbau, Sonnenschutz durch Lamellen.

Fünf nicht verhandelbare Regeln

Der Passivhaus-Standard beruht auf fünf präzisen technischen Kriterien. Alle fünf sind notwendig — eines ohne die anderen genügt nicht. Genau dieses Zusammenspiel gewährleistet die Leistungsfähigkeit.

Wärmedämmung Durchgehende Gebäudehülle
U ≤ 0,15 W/m²·K
Dreifachverglasung Passivhausfenster
Uw ≤ 0,85 W/m²·K
Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung Wärmerückgewinnung
η ≥ 75 %
Luftdichtheit Durchgehende Luftdichtheitsebene
n₅₀ ≤ 0,6 /h
Wärmebrückenfrei Schwachstellen behandelt
ψ → minimal

Die Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung verdient besondere Aufmerksamkeit: Oft missverstanden, ist sie untrennbar mit dem Passivhaus-Standard verbunden. Sie erneuert die Luft laufend und gewinnt gleichzeitig die Wärme der Abluft zurück — so entstehen keine lüftungsbedingten Wärmeverluste.

Vor allem: ein Gebäude, in dem man sich wohlfühlt

Das Paradox des Passivhauses: Wer den Energieverbrauch senken will, erhält vor allem einen bemerkenswerten Komfort. Kein Kaltluftabfall an den Fenstern. Keine kalten Oberflächen. Eine konstante Luftqualität.

Die Innenoberfläche der Verglasung bleibt mitten im Winter über 17 °C — dadurch entfällt das für gewöhnliche Gebäude typische Gefühl kalter Flächen.

20–22°C
Stabile Temperatur im Winter, ohne Zugluft
< 1 000 ppm
CO₂ im Innenraum — konstante Luftqualität
≥ 17°C
Innenoberfläche der Verglasung im Winter
40–60 %
Relative Luftfeuchtigkeit — optimaler Komfort
Innenraum eines Passivhauses — thermischer und lichttechnischer Komfort

Wie viel wird verbraucht?

Der Wärmebedarf wird in kWh pro Quadratmeter und Jahr gemessen. Der Vergleich spricht für sich.

Durchschnittlicher Altbau
130 kWh/m²·an
Minergie® (Neubau)
~30–40 kWh/m²·an
Passivhaus Classic
< 15 kWh/m²·an
Passivhaus Plus / Premium
Energieplus

Heizwärmebedarf (PHPP-Kennwert). Der Passivhaus-Standard verbraucht rund 10-mal weniger als ein durchschnittlicher Altbau. Da die Energiebezugsfläche (SRE, Surface de Référence Énergétique) bei Passivhaus (PHPP) und Minergie® (SIA 416) unterschiedlich berechnet wird, sind die Werte als Richtwerte zu verstehen.

Zwei Labels, eine gemeinsame Logik

In der Schweiz gibt es den Passivstandard in zwei Labels. Das eine ist international — das Passivhaus Institut in Darmstadt —, das andere schweizerisch: Minergie®-P. Ihre Anforderungen sind ähnlich, mit einigen methodischen Unterschieden.

Kriterium Passivhaus Classic Minergie®-P
Heizgrenzwert * ≤ 15 kWh/m²·an ≤ 70 % der Grenzwerte MoPEC 2025 (MuKEn)
Luftdichtheit n₅₀ ≤ 0,6 /h qE50 ≤ 0,8 m³/(h·m²)
Lüftung Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung obligatorisch Mechanische Lüftung vorgeschrieben (SIA 382/1:2025)
Fossile Brennstoffe Zulässig (in der PER-Bilanz benachteiligt) Verboten (Reglement 2026.1)
Berechnungstool PHPP (PHI Darmstadt) Lesosai (SIA)
Zertifizierung PHI Darmstadt Minergie® Association (CH)
Relevanz für die Schweiz international anerkannt marktführend in der Schweiz

* Die Energiebezugsflächen (SRE) werden bei Passivhaus (PHPP, PHI Darmstadt) und Minergie® (Norm SIA 416) nach unterschiedlichen Konventionen berechnet. Ein direkter Vergleich der Zahlenwerte ist deshalb nur annähernd möglich und spiegelt nicht zwingend einen tatsächlichen Unterschied in den Anforderungen der beiden Labels wider. Minergie®-Werte gemäss Reglement 2026.1 (absolutes Minimum von 15 kWh/m²·an; Luftdichtheit qE50 gemessen gemäss EN ISO 9972:2015 + SIA 180:2014).

EnerPHit: der Passivstandard für Bestandsbauten

Eine Sanierung nach dem Passivstandard ist möglich, doch die Rahmenbedingungen des Bestands — Geometrie, Struktur, unvermeidbare Wärmebrücken — erfordern Anpassungen. Der Standard EnerPHit (Passivhaus Institut) und Minergie®-P Renovation legen dafür spezifische Ziele fest.

EnerPHit-Zielwert : ≤ 25 kWh/m²·an, also zwei- bis dreimal weniger als bei einer gewöhnlichen Sanierung, und mit unvergleichlichem Komfort.

Gültig für jeden Neubau und jede leistungsfähige energetische Sanierung: Die Logik der fünf Säulen bleibt der rote Faden.

Baustelle einer energetischen Sanierung — Einbau der Innendämmung

Sanierung im Gang: Die Dämmung und die sorgfältige Ausführung der Gebäudehüllendetails bestimmen die letztliche Leistungsfähigkeit.

Was man oft hört. Und die Realität.

«Das kostet beim Bauen viel mehr.»
Die Mehrkosten beim Bau sind real, aber moderat: je nach Projekt und Region in der Grössenordnung von 5 bis 10 %. Bezogen auf die Gesamtkosten über 30 Jahre — Bau, Betrieb und Unterhalt der Anlagen — fällt die Bilanz durchwegs zugunsten des Passivhauses aus.
«Man kann die Fenster nicht öffnen.»
Doch. Die Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung sorgt laufend für die Luftqualität, aber die Fenster lassen sich frei öffnen. Im Sommer wird das nächtliche Lüften zur natürlichen Kühlung sogar empfohlen — es ist einer der wichtigsten Hebel für den sommerlichen Komfort.
«Das passt nicht zum Schweizer Klima.»
Der Passivhaus-Standard wurde gerade für die kalten Winter Mitteleuropas entwickelt. Er ist für die Westschweiz bestens geeignet und sogar wirksamer als in milderen Breiten, da die solaren Gewinne im Winter hier beachtlich sind.
«Die Lüftung macht Lärm.»
Passivhaus-zertifizierte Lüftungsgeräte sind auf Geräuscharmut ausgelegt (≤ 25 dB(A) im Standardbetrieb). Eine sorgfältige Dimensionierung der Leitungen und die Schalldämmung der Luftauslässe verhindern jedes wahrnehmbare Strömungsgeräusch.
«Das ist eine Nische für Architekturprojekte.»
Der Standard wird heute von einer wachsenden Zahl von Unternehmen in der Westschweiz beherrscht. Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, Sanierungen und öffentliche Bauten wurden bereits nach diesem Standard realisiert — zu Kosten, die durchaus marktüblich sind.

Haben Sie ein Projekt im Kopf?

Konzeption, Überprüfung der fünf Säulen, Begleitung Richtung Minergie‑P oder Passivhaus — sprechen wir darüber, am besten schon ab der Vorstudie.

Kontakt aufnehmen