Geschützte Fassade, Stockwerkeigentümerschaft ohne Entscheidungsfähigkeit, zu bewahrender architektonischer Ausdruck: Wenn die Aussendämmung nicht möglich ist, bleibt die Innendämmung (ITI) der Weg. Es ist die konzeptionell anspruchsvollste Dämmtechnik — nicht weil sie kompliziert anzubringen ist, sondern weil sie die Bauphysik der Wand verändert. Dieses Dossier erklärt, wann die ITI gerechtfertigt ist, was in der Wand passiert, welche Systeme zu wählen sind und wo sich Schäden entwickeln.
Beginnen wir mit einer klaren Feststellung: die Aussendämmung (ITE) bleibt die Referenzlösung, wann immer sie möglich ist. Sie hält die Wand warm, behandelt Wärmebrücken durchgehend und beansprucht keine Wohnfläche. Das Genfer Recht geht in dieselbe Richtung: LCI art. 114A legt fest, dass die Dicke einer Aussendämmung an einer bestehenden Konstruktion weder bei der Berechnung der Flächenverhältnisse noch beim Gebäudeprofil noch bei den Grenzabständen mitgerechnet wird. Mit anderen Worten: In Genf ist das Gebäudeprofil kein Argument mehr gegen die ITE.
Die ITI ist also keine Bequemlichkeitswahl — sie ist der Weg, der bleibt, wenn die Fassade nicht verändert werden kann. Vier typische Situationen:
Eine alte, ungedämmte Wand wird von einem permanenten Wärmestrom durchflossen. Diese Verschwendung hat einen nützlichen Nebeneffekt: Die Wand bleibt warm und trocken. Die ITI unterbricht diesen Fluss — das ist ihr Ziel —, versetzt dabei aber das gesamte Mauerwerk auf die kalte Seite. Im Winter kann eine Wand, die hinter dem Verputz 12–15 °C hielt, hinter der Dämmung nahe an die Aussentemperatur absinken.
Die Innenluft einer Wohnung enthält Wasserdampf (Küche, Duschen, Bewohner). Dieser Dampf diffundiert durch die Materialien, von innen warm nach aussen kalt. Solange die Temperatur in der Wand über dem Taupunkt bleibt, bleibt der Dampf gasförmig. Hinter einer ITI sinkt die Temperatur jedoch an der Grenzfläche zwischen Dämmung und Wand abrupt: Erreicht der Dampf diese Stelle in ausreichender Menge, kondensiert er dort. Das ist der Tauwasserausfall im Bauteil — unsichtbar, da er hinter der Vorsatzschale stattfindet.
Die Folgen entwickeln sich still: Durchfeuchtung des Mauerwerks, Schimmel auf der verdeckten Seite der Vorsatzschale, Korrosion der Befestigungen, Frostschäden an porösen Materialien — und in alten Gebäuden mit Holzdecken das Verfaulen der in die kalt und feucht gewordene Wand eingebundenen Balkenköpfe.
Die Mindestüberprüfung ist die Glaser-Berechnung (stationäres Diffusionsverfahren, EN ISO 13788): Sie vergleicht Monat für Monat die Dampfmenge, die in die Wand eindringt, mit jener, die wieder austreten kann. Das ist das Basisinstrument — es ignoriert jedoch zwei für alte Wände entscheidende Phänomene: den von der Fassade aufgenommenen Schlagregen und den kapillaren Transport von Flüssigwasser im Mauerwerk.
Bei einer exponierten alten Wand, einer Bruchstein- oder Molassefassade oder sobald Holz in die Wand eingebunden wird, ist eine dynamische hygrothermische Simulation (z. B. WUFI, gemäss EN 15026) die einzig zuverlässige Überprüfung: Sie modelliert Stunde für Stunde Temperatur, Feuchte, Regen und Austrocknung über mehrere Jahre. Das ist eine Studie von wenigen Tagen — verglichen mit den Kosten einer wegen Schimmel wieder zu entfernenden Vorsatzschale.
Alle ITI-Systeme beantworten dieselbe Frage — wie man mit Wasserdampf umgeht —, jedoch nach zwei entgegengesetzten Philosophien: den Dampf blockieren, bevor er die kalte Wand erreicht (Dampfsperre), oder ihn eindringen lassen und umverteilen, damit er ohne Schaden wieder austritt (kapillaraktive Materialien). Die Wahl hängt von der Wand, ihrer Exponierung und der Ausführungssicherheit ab, die gewährleistet werden kann.
Bei der ITI gilt: mehr Dämmung ist nicht besser: Jeder zusätzliche Zentimeter kühlt die Wand stärker ab und erhöht das Risiko von Kondensation und Frost. Die Praxis konvergiert auf moderate Wärmedämmwerte — typischerweise 6 bis 10 cm je nach Material —, also eine sanierte Wand mit rund U ≈ 0,25–0,40 W/(m²K). Das liegt oft unter dem SIA 380/1:2016-Grenzwert für ein saniertes Bauteil (≤ 0,20 W/(m²K)) — und der Genfer Rahmen erlaubt dies: Das RALI art. 56 verlangt die Einhaltung der SIA 380/1 «ausser in besonderen Fällen», und der Nachweis kann über die Gesamtleistung des Gebäudes statt bauteilweise erbracht werden. Die hygrothermische Studie legt die maximal zulässige Dicke fest — nicht der Dämmstoffkatalog.
Bei der ITE umhüllt die Dämmung das Gebäude durchgehend. Bei der ITI wird die Dämmebene durch die Gebäudestruktur selbst unterbrochen: Jede Innenwand, jede Decke, jede Fensterlaibung durchdringt die Dämmung. Genau dort konzentrieren sich die Wärmeströme — und die Schäden.
Der von der ITI betroffene Genfer Gebäudebestand gehört grossteils zum städtischen Gürtel vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts : massiv gemauerte Gebäude — Bruchstein, Backstein, Naturstein und Molasse — mit Fassadengesimsen, Holzdecken und grosszügigen Raumhöhen. Diese Gebäude liegen häufig in Schutzzonen oder geschützten Ensembles im Sinne der LCI; Eingriffe unterliegen dort dem Vorbescheid der CMNS (Commission des monuments, de la nature et des sites — kantonale Denkmal-, Natur- und Landschaftsschutzkommission), und eine Verkleidung der Fassaden ist dort in der Regel ausgeschlossen.
Molasse ist feuchtigkeitsempfindlich. Molasse, die in zahlreichen Genfer Sockeln und Fassadeneinfassungen vorkommt, ist ein weicher, poröser Stein, der empfindlich auf Frost und Feuchtezyklen reagiert. Eine schlecht konzipierte ITI, die eine Molassewand abkühlt, beschleunigt deren Verfall — auf der Strassenseite, wo sie sichtbar und geschützt ist. Die hygrothermische Studie muss den tatsächlichen Stein modellieren, nicht eine generische Wand.
Holzdecken erfordern Vorsicht. In jedem Geschoss und an jeder Fassade eingebundene Balkenköpfe: Das kritische Detail aus Punkt 04 wiederholt sich in einem Gebäude vom Ende des 19. Jahrhunderts dutzendfach. Das ist das Hauptargument für kapillaraktive Systeme in diesem Baubestand.
Der Rechtsrahmen bietet Spielraum. Das RALI art. 56A sieht auf Nachweis Ausnahmen für geschützte Gebäude vor. Die Konformität der Gebäudehülle wird gemäss SIA 380/1 «ausser in besonderen Fällen» beurteilt (RALI art. 56) — und die Interessenabwägung zwischen Denkmalschutz und Energieeffizienz ist eine etablierte Praxis der Genfer Behörden. Eine massvolle und sichere ITI, kombiniert mit leistungsfähigen Fenstern, einem gut gedämmten Dach und einer kontrollierten Lüftung, ergibt ein vor dem OCEN wie vor der CMNS vertretbares Dossier.
In der Suisse romande erzeugen die kantonalen Bauinventare (Waadt, Neuenburg, Freiburg) für die Altstädte dieselben Einschränkungen — mit denselben technischen Antworten. Im nahen Frankreich führen die ABF-Schutzperimeter um historische Baudenkmäler zur gleichen Abwägung: Fassade unantastbar, Innendämmung von Fall zu Fall geprüft.
Schadensfälle bei der ITI ähneln sich: Sie gehen selten auf das Material zurück, fast immer auf einen Planungsfehler oder einen Ausführungsmangel an den Sonderpunkten. Die folgenden typischen Fälle finden sich immer wieder in der Fachliteratur und in Schadensgutachten.
| Fehler | Beobachteter Schaden | Vorbeugung |
|---|---|---|
| ITI auf feuchter Wand (aufsteigende Feuchtigkeit, unbehandelter Schlagregen) | Zunehmende Feuchtigkeit im Mauerwerk, Salpeter, Ablösen des Putzes, grossflächiger Schimmel hinter der Vorsatzschale | Vorgängige Feuchtigkeitsdiagnose; die Ursache der Feuchtigkeit vor dem Dämmen beheben |
| Durchstochene oder nicht angeschlossene Dampfsperre (Steckdosen, Leitungen, Fugen, Wandanschlüsse) | Konzentrierte Kondensation an den Leckstellen, lokaler Schimmelbefall, Gerüche — oft erst Jahre später entdeckt | Geplantes Luftdichtheitskonzept, technische Vorwand, Kontrolle vor dem Schliessen |
| Überdimensionierte Dämmstärke («wenn schon, denn schon, nehmen wir 18 cm») | Zu kalte Wand: Tauwasserausfall im Bauteil, Frostschäden am Mauerwerk, Zerfall weicher Steine | Dicke durch die hygrothermische Studie festgelegt, nicht durch den Ehrgeiz eines U-Werts |
| Unbehandelte Laibungen und Innenwände | Schimmel an Fensterlaibungen und in Ecken Decke/Fassade — der Kältepunkt hat sich verschoben, ist aber nicht verschwunden | Systematische Dämmrückführungen, dünne Dämmung der Laibungen (RALI art. 56A) |
| In der kalten Wand belassene Wasserleitungen | Einfrieren der Leitungen im ersten strengen Winter, Wasserschaden in der neuen Vorsatzschale | Leitungen bei den Arbeiten auf die warme Seite verlegen |
| Vergessene Lüftung nach der Abdichtung der Wohnung | Steigende Innenraumfeuchte, Kondensation an verbliebenen Kältepunkten, verschlechterte Luftqualität | Lüftungskonzept (mindestens) oder kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung bei jedem ITI-Projekt |
| Auf eine summarische Glaser-Berechnung beschränkte Überprüfung an einer exponierten alten Wand | Auf dem Papier freigegebene, in der Realität geschädigte Wand — Schlagregen und Kapillarität waren nicht in der Berechnung enthalten | Dynamische Simulation (WUFI, EN 15026) für alte Wände, eingebundenes Holz, exponierte Fassaden |
Diesen Schäden ist gemeinsam: Sie sind bei der Bauabnahme unsichtbar und zeigen sich erst im zweiten oder dritten Winter. Daher die Bedeutung der Planung — der Ausführende kann eine schlecht konzipierte Wand nicht mehr retten.
Wie viel Wohnfläche verliere ich?
Rechnen Sie je nach System mit 8 bis 14 cm Gesamtdicke (Dämmung + Vorsatzschale) an jeder Fassadenwand. Für einen Raum von 4 × 5 m mit zwei Aussenwänden entspricht das etwa 0,8 bis 1,2 m². Das ist real, muss aber dem gewonnenen Komfort gegenübergestellt werden: Die Innenoberfläche der Wand steigt im Winter von 12–14 °C auf 17–19 °C, wodurch sich das Gefühl der kalten Wand auflöst und die Raumtemperatur oft um ein Grad gesenkt werden kann.
Kann ich meine Wohnung allein dämmen, ohne Beschluss der Eigentümergemeinschaft?
Grundsätzlich ja: Die ITI wird innerhalb Ihrer Einheit ausgeführt, ohne die gemeinschaftlichen Teile zu berühren — das ist einer ihrer Vorteile. Zwei Vorbehalte: das Reglement der Stockwerkeigentümergemeinschaft prüfen (manche Eingriffe, die indirekt die Struktur oder die Fassaden betreffen, erfordern eine Information oder Zustimmung), und vor allem die Wand durch eine hygrothermische Studie prüfen lassen, da ein Feuchtigkeitsschaden in der Wand das gesamte Gebäude betreffen würde, nicht nur Ihre Einheit. Bei einem bewilligungspflichtigen Gebäude (Schutzzone, denkmalgeschütztes Gebäude) informieren Sie sich vor Baubeginn beim kantonalen Amt.
Was kostet eine ITI?
Grössenordnungsmässig, Material und Einbau, inklusive Ausführung: 150 bis 250 CHF/m² Wandfläche für eine Vorsatzschale aus Mineralwolle + Dampfsperre, 200 bis 300 CHF/m² für Verbundplatten, 250 bis 450 CHF/m² für ein kapillaraktives System wie Kalziumsilikat mit mineralischem Putz. Dazu kommen die Dämmrückführungen, die Behandlung der Laibungen und die allfällige Verlegung von Leitungen — oft 20 bis 30 % des Budgets, und genau der Teil, der über gesund oder schadhaft entscheidet. Die hygrothermische Studie macht nur einen bescheidenen Anteil am Gesamten aus.
Ist die hygrothermische Studie für ein paar Zentimeter Dämmung wirklich notwendig?
Ja — und umso mehr, je älter die Wand ist. Gerade die geringe Dicke muss begründet werden: Eine gute ITI ist eine, deren Dicke, Material und Detaillösungen für Ihre Wand geprüft wurden — mit ihrer Ausrichtung, ihrer Regenexposition und ihren Decken. Die Norm SIA 180:2014 verlangt die hygrothermische Überprüfung veränderter Wände; bei alten Wänden und eingebundenem Holz reicht eine Glaser-Berechnung nicht aus, und eine dynamische Simulation ist erforderlich. Ein paar Tage Studie gegen Jahre verborgener Schäden: Die Abwägung ist schnell gemacht.
Reicht eine ITI aus, um meinen IDC unter die Genfer Schwellenwerte zu senken?
Selten allein. Die Wände machen einen erheblichen Teil der Verluste aus, aber Dach, Fenster, Lüftung und Wärmeerzeugung wiegen zusammen mehr. Die ITI ergibt Sinn im Rahmen einer Gesamtstrategie: Der Audit (obligatorisch ab einem IDC von 125 kWh/m²·an / 450 MJ/m²·an) legt die Rangfolge der Massnahmen und deren Zeitplan fest. Eine ganzheitlich gedachte Sanierung — auch wenn sie etappenweise ausgeführt wird — ist einer isolierten ITI, die anlässlich neuer Malerarbeiten beschlossen wird, vorzuziehen.
Feuchtigkeitsdiagnose, hygrothermische Simulation der Wand, Systemwahl und Ausführungsdetails — die Studie vor Baubeginn kostet ein paar Tage und erspart Jahre voller Schäden. Sprechen wir über Ihre Wand.
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