Passivhaus, Minergie®, Genfer HPE, SNBS, DGNB… Die Labels häufen sich, und ihre Namen führen bisweilen in die Irre. Dieses Dossier vergleicht sie anhand der Kriterien, die für Ihr Projekt zählen.
Energielabels folgen sehr unterschiedlichen Logiken: Die einen messen allein den Heizwärmebedarf, andere beziehen die Produktion erneuerbarer Energie ein, wieder andere behandeln Gesundheit, Baustoffe oder die ganzheitliche Nachhaltigkeit des Gebäudes.
Auch ihre geografische Reichweite ist unterschiedlich. In der Westschweiz beherrscht Minergie® den Markt. In Genf definiert das kantonale Energiegesetz (LEn — L 2 30) die Niveaus HPE und THPE, wobei HPE das gesetzliche Minimum für jeden Neubau istLEn Art. 15 Abs. 1: Neubauten und Erweiterungen « respectent des standards de haute performance énergétique » — sie halten Standards hoher Energieeffizienz ein.République et canton de Genève — rsGE L 2 30 — Loi sur l'énergie (LEn), art. 15 al. 1 — nicht zu verwechseln mit gleichnamigen französischen Labels aus einem ganz anderen Rechtsrahmen. Der Passivhaus-Standard (PHI Darmstadt) ist international und überall anerkannt, in der schweizerischen Praxis aber weniger verbreitet.
Das Passivhaus Institut (PHI) in Darmstadt hat eine ganze Reihe von Standards definiert, alle auf demselben Rechenwerkzeug — dem PHPP — und demselben Grundsatz aufgebaut: den Energiebedarf senken, bevor man Energie erzeugt. Zertifiziert wird durch vom PHI akkreditierte Stellen.
Der Referenzstandard. Zwei alternative Kriterien für die Heizung: Heizwärmebedarf ≤ 15 kWh/m²·a oder Heizlast ≤ 10 W/m²PHI, Kriterium 1: « not to exceed 15 kWh per square meter of net living space per year or 10 W per square meter peak demand ».Passive House Institute, Darmstadt — Passive House requirements. Das zweite Kriterium ist in kälteren Klimaregionen oft das massgebende. Luftdichtheit n₅₀ ≤ 0,6/h und Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung sind PflichtPHI, Kriterium 3: 0,6 Luftwechsel/h bei 50 Pa, geprüft in Über- und Unterdruck. Wärmerückgewinnung: mindestens 75 % der Abluftwärme.Passive House Institute, Darmstadt — Passive House requirements. Ab dieser Schwelle kommt ein Gebäude ohne konventionelles Heizsystem aus. Kompatibel mit Minergie®-P in der Schweiz.
Gleiche Anforderungen an die Hülle wie beim Classic, doch zwei Kriterien ziehen gleichzeitig an: der Bedarf an erneuerbarer Primärenergie (PER) und die Erzeugung erneuerbarer Energie am Gebäude (meist Photovoltaik). Classic: PER ≤ 60 kWh/m²·a, keine Erzeugung vorgeschrieben. Plus: PER ≤ 45 kWh/m²·a und Erzeugung ≥ 60 kWh/m²·a. Premium: PER ≤ 30 kWh/m²·a und Erzeugung ≥ 120 kWh/m²·aPassipedia: Premium verlangt 120 kWh/(m²a) Erzeugung und einen PER-Bedarf von 30 kWh/(m²a). Die Erzeugung bezieht sich auf die Gebäudegrundfläche, nicht auf die Energiebezugsfläche.Passipedia — Passive House Institute — Classic, Plus, Premium: The Passive House classes and how they can be reached. Das Gebäude wird zum Nettolieferanten für das Netz.
Die 15 kWh des Classic sind in der Sanierung wegen baulicher Zwänge (verbleibende Wärmebrücken, bestehende Geometrie) nicht immer erreichbar. EnerPHit lässt 25 kWh/m²·a zuPHI-Kriterien: EnerPHit kennt zwei Wege, den Heizwärmebedarfsnachweis (25 kWh/(m²a) im kühl-gemässigten Klima) und den Bauteilnachweis mit Ziel-U-Werten je Element.Passive House Institute (Passipedia) — Criteria for the Passive House, EnerPHit and PHI Low Energy Building Standard oder stützt sich auf den Bauteilnachweis (jedes Element hält Ziel-U-Werte ein). Für eine ambitionierte Sanierung ist das das richtige Ziel.
Zwischenstufe (≤ 30 kWh/m²·a), im Französischen bisweilen bezeichnet als BaSE — Bâtiment Sobre en Énergie, was keine offizielle PHI-Bezeichnung istDer Standard PHI Low Energy Building existiert; die französische Bezeichnung « BaSE — Bâtiment Sobre en Énergie » liess sich keiner PHI-Publikation zuordnen.Quelle noch zu belegen — Angabe ungeprüft. Vom PHI anerkannt für Projekte, bei denen Classic nicht erreichbar ist: architektonische Zwänge, ungünstige Geometrie, schwieriger Bestand. Noch nicht so verbreitet wie die übrigen Stufen, aber sinnvoll als Übergangsziel oder als Anspruchsuntergrenze bei komplexen Sanierungen.
Minergie® ist ein 1998 gegründeter Schweizer VereinStrategieseite von minergie.ch: « Der 1998 gegründete Verein Minergie zählt derzeit rund 1850 Mitglieder und Fachpartner, darunter die 26 Schweizer Kantone und das Fürstentum Liechtenstein ».Association Minergie — Minergie 2024-2027 : lignes directrices et champs d'action. Seine Labels sind in der Westschweiz die verbreitetsten für Neubauten und Sanierungen. Die Minergie-Kennzahl (MKZ) umfasst Heizung, Warmwasser, Lüftung, Beleuchtung und Geräte — ein breiterer Ansatz als jener des PHPP.
Die Variante -ECO fügt eine Ebene von Anforderungen zur Innenraumgesundheit (Luftqualität, Baustoffe) und zur Gebäudeökologie (graue Energie, Rezyklierbarkeit) hinzu. Sie lässt sich mit jeder der drei Stufen verbinden: Minergie-ECO, Minergie-P-ECO, Minergie-A-ECO.
NRG positive ist Mitglied des Vereins Minergie®Angabe des Autors dieser Website. Nicht gegen die von Minergie veröffentlichte Mitgliederliste geprüft.Quelle noch zu belegen — Angabe ungeprüft — das erlaubt Begleitung und Beratung zu den Standards, nicht aber die Erteilung einer Zertifizierung (diese liegt beim Verein bzw. bei seinen kantonalen Stellen).
In Genf sind es das Energiegesetz (LEn — L 2 30) und seine Ausführungsverordnung, die die Niveaus HPE und THPE für Neubauten und umfassende Sanierungen definieren. HPE ist kein freiwilliges Label, sondern das gesetzliche Minimum für jeden Neubau ; THPE wird für Neubauten der öffentlichen Hand sowie der Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts verlangt. Die Überwachung des Bestands stützt sich ihrerseits auf denIDC (Wärmeverbrauchskennzahl), traditionell in MJ/m²·a ausgedrückt — zunehmend aber in kWh/m²·a umgerechnet, auch vom kantonalen Energieamt OCEN selbst.
Neubauten müssen die Grenzwerte der kantonalen Richtlinie einhalten, die sich an den Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn) orientieren. HPE und THPE stehen für Leistungen, die über dieses gesetzliche Minimum hinausgehen:
Die genauen Schwellen hängen vom Gebäudetyp (EFH, MFH, Dienstleistung) und von der geltenden Fassung der kantonalen Verordnung ab. Für aktuelle Werte sind die Ämter OCBA oder OCEN massgebend.
SNBS und DGNB verfolgen dasselbe Ziel: ein Gebäude als Ganzes bewerten — nicht nur seine Energie, sondern auch seine Baustoffe, seine Umweltwirkung, den Komfort der Nutzenden sowie seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension. Diese Ansätze stützen sich auf mehrere Dutzend Indikatoren.
LEED (USA) und BREEAM (Grossbritannien) sind international ebenfalls präsent. In der Westschweiz und im grenznahen Frankreich bleiben sie bei mittelgrossen Wohn- oder institutionellen Projekten selten — man begegnet ihnen vor allem bei internationalen Firmensitzen oder Hochschulcampus.
Für Projekte im grenznahen Frankreich (Haute-Savoie, Ain, Jura…) gilt das französische Wärmeschutzrecht, nicht das schweizerische. Die wichtigsten Anhaltspunkte:
Passivhaus Classic ist mit den Anforderungen der französischen RE2020 vereinbar und geht darüber hinaus. Ein in Frankreich zertifiziertes Passivhaus erfüllt das Wärmeschutzrecht automatisch und kann mit einer PV-Anlage vernünftiger Grösse das Label BEPOS anstreben.
Alle Labels nebeneinander. Nach rechts scrollen, um die ganze Tabelle zu sehen.
| Kriterium | PHI Low Energy |
Passivhaus Classic |
Passivhaus Plus |
Passivhaus Premium |
EnerPHit (San.) |
Minergie® | Minergie®-P | Minergie®-A | +ECO (Variante) |
HPE Genf |
THPE Genf |
SNBS | DGNB | RE2020 † (Frankreich) |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Herkunft / Trägerschaft | PHI Darmstadt | PHI Darmstadt | PHI Darmstadt | PHI Darmstadt | PHI Darmstadt | Minergie® CH | Minergie® CH | Minergie® CH | Minergie® CH | Kanton GE | Kanton GE | NNBS CH | DGNB DE/EU | Staat Frankreich |
| Anwendung | Neubau + San. | Neubau + San. | Neubau | Neubau | Sanierung | Neubau + San. | Vor allem Neubau | Neubau | + zu jeder Stufe | Neubau + San. | Neubau + San. | Neubau + San. | Neubau + San. | Neubau + San. (Frankreich) |
| Heizwärmebedarf * | ≤ 30 | ≤ 15 | ≤ 15 | ≤ 15 | ≤ 25 | ≤ 90 % MuKEn 2025 | ≤ 70 % MuKEn 2025 | ≤ 90 % MuKEn 2025 | je nach Basis | Grenzwerte SIA 380/1 | Zielwerte SIA 380/1 | integriert | integriert | Bbio + Cep † |
| Geforderte EE-Erzeugung | — | — | ≥ 60 kWh | ≥ 120 kWh | — | PV: 60 % Dachfläche (Neubau) | PV: 60 % Dachfläche (Neubau) | Eigenprod. ≥ Bedarf | — | ≥ 50 % nicht fossil | ≥ 80 % nicht fossil | — | — | begünstigt (Bbio) |
| Luftdichtheit | empfohlen | n₅₀ ≤ 0,6/h | n₅₀ ≤ 0,6/h | n₅₀ ≤ 0,6/h | n₅₀ ≤ 1,0/h | nicht gefordert | qE50 ≤ 0,8 | qE50 ≤ 0,8 | — | — | — | — | — | Q4 obligatorisch |
| Komfortlüftung | dringend empfohlen | obligatorisch | obligatorisch | obligatorisch | obligatorisch | automatischer Luftwechsel gefordert | mech. Lüftung (SIA 382/1:2025) | mech. Lüftung (SIA 382/1:2025) | — | — | — | — | — | — |
| Rechenwerkzeug | PHPP | PHPP | PHPP | PHPP | PHPP | EnDK-zertifizierte Software | EnDK-zertifizierte Software | EnDK-zertifizierte Software | — | SIA 380/1 | SIA 380/1 | multikriteriell | multikriteriell | Th-BCE (offizielle Rechenmaschine FR)Die Methode Th-BCE ist mit dem Erlass vom 4. August 2021 genehmigt und wird in der FAQ RE2020 zitiert (Anhang III, Methode Th-BCE).Ministère de la transition écologique — portail RT-RE bâtiment — FAQ RE2020 — Champ et calendrier d'application |
| Kriterien Ökologie / Gesundheit | — | — | — | — | — | — | — | — | ja — ECO | — | — | ja — breit | ja — breit | Ic construction (Kohlenstoff) |
| Prüfung auf der Baustelle | — | Blower Door | Blower Door | Blower Door | Blower Door | QS-Kontrolle | QS-Kontrolle | QS-Kontrolle | je nach Basis | — | — | Audit | Audit | Dichtheitsprüfung (Q4) |
| Marktrelevanz Westschweiz | ✦ techn. Referenz | ✦✦ anerkannt | ✦✦ | ✦✦ | ✦✦ ambitionierte San. | ✦✦✦ dominierend | ✦✦✦ dominierend | ✦✦ | ✦✦ im Aufwind | ✦✦✦ nur GE | ✦✦✦ nur GE | ✦✦ öffentliche Hand | ✦ Büro/Corporate | nur Frankreich |
| Zertifizierungskosten (Richtwert) | — | CHF 1 000–3 000 | CHF 1 000–3 000 | CHF 1 000–3 000 | CHF 1 000–3 000 | CHF 800–2 500 | CHF 1 000–3 000 | CHF 1 500–4 000 | +CHF 500–1 500 | Baubewilligungsverfahren | Baubewilligungsverfahren | CHF 5 000–20 000 | CHF 8 000–30 000 | Baubewilligungsverfahren FR |
* Heizwärmebedarf nach PHPP (Passivhaus, in kWh/m²·a) oder in % der Grenzwerte MuKEn 2025, berechnet nach SIA 380/1:2016 (Minergie®, Reglement 2026.1 — absolutes Minimum 15 kWh/m²·a, fossile Brennstoffe untersagtZiff. 6.1: mindestens 15 kWh/(m2a), auch wenn der berechnete Grenzwert tiefer liegt. Ziff. 8.1: fossile Energieträger für Heizung und Warmwasser nicht zugelassen, alle Labels.Association Minergie — Règlement des labels Minergie/Minergie-P/Minergie-A, version 2026.1, ch. 6.1 et 8.1). Die EBF wird je nach Norm unterschiedlich berechnet — ein direkter Schwellenvergleich bleibt näherungsweise. Luftdichtheit: n₅₀ in h⁻¹ (Passivhaus), qE50 in m³/(h·m²) nach EN ISO 9972:2015 (Minergie®)Ziff. 6.2: qE50 ≤ 0,8 m³/(h·m²) im Neubau und 1,6 in der Sanierung, für Minergie-P und Minergie-A. Das Reglement zitiert SIA 180:2014 und SN EN ISO 9972:2022.Association Minergie — Règlement des labels Minergie/Minergie-P/Minergie-A, version 2026.1, ch. 6.2. ✦ = Marktrelevanz (Richtwert). Zertifizierungskosten ohne Ingenieurhonorare.
† Die RE2020 ist eine verbindliche französische Wärmeschutzvorschrift, kein freiwilliges Label. Ihre Kennzahlen (Bbio, Cep, Ic) sind nicht direkt mit den kWh/m²·a der Standards Passivhaus oder Minergie® vergleichbar — daher der nur teilweise Vergleich in dieser Tabelle.
Drei Fragen genügen, um die Wahl in der grossen Mehrzahl der Projekte in der Westschweiz und im grenznahen Frankreich zu lenken.
In jedem Fall hängt die endgültige Wahl auch von den verfügbaren Fördermitteln ab (manche Kantone fördern Minergie® stärker als Passivhaus), von der Marktpositionierung des Projekts und davon, ob die Bauherrschaft wirklich zertifizieren oder einfach nach dem Standard bauen will, ohne das förmliche Verfahren zu durchlaufen.
Jede Zahl und jede Aussage in diesem Dossier ist belegt. Fahren Sie über eine Fussnote oder tippen Sie sie an, um die Quelle anzuzeigen.
Labelwahl, Flächenbonus HPE/THPE, Abwägung zwischen den Standards — sprechen wir darüber vor der Baueingabe, solange noch alles offen ist.
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